Zentralwerk_2051

Ich werde durch ein leichtes Vibrieren geweckt. Der Bildschirm in meinem Unterarm erinnert mich an meine bevorstehende Aufgabe und das Pochen in meiner Schläfe erinnert mich an den gestrigen Abend. Gestern war der 20.01., wir schreiben das Jahr 2051 und das Zentralwerk, mein Zuhause, hat Geburtstag gefeiert. Also eigentlich ist es nicht wirklich der Geburtstag, sondern der Tag, an dem vor ziemlich genau 30 Jahren das Urteil gefällt wurde, das die Stadt Köln das Otto-&-Langen-Quartier kaufen wird und zu einem Zukunftslabor umbaut.

Nach einer kurzen Katzenwäsche mache ich mich auf den Weg. Ich bin eigentlich schon zu spät dran, deswegen muss ich mich ein bisschen beeilen. Auf dem Weg zur Farm treffe ich mein erstes Teammitglied. Alfie ist bei uns im Team für den Daten Ingress verantwortlich. Wir sind das Team Victoria, offiziell heißen wir eigentlich DataLake3 aber das war uns zu technisch und rollt auch irgendwie nicht so gut von der Zunge. Wir arbeiten eng mit den Datenfarmern zusammen und sind dafür verantwortlich, die Unmengen an Daten die sie von ihren unzähligen Sensoren bekommen, abzuspeichern, zu strukturieren und erste Analysen zu machen.

Auf dem Weg zur Farm laufen wir durch unser Atrium, wo eine kleine Herde an Cleanbots gerade den Boden reinigt und die letzten Reste des gestrigen Festes beseitigt. Danach geht es vorbei an den Aquaponikanlagen – eines meiner Lieblingsareale. Oft verbringe ich hier meine Nachmittage, während ich den Tilapia Barschen dabei zu­sehe, wie sie in den großen gläsernen Becken durch die Wurzeln der auf der Oberfläche wachsenden Tomaten, Karotten und Gurken streifen. Manchmal habe ich dann das Gefühl, das die Fische irgendwas vom Leben verstanden haben, wofür wir Menschen noch nicht bereit sind. Sie wissen nicht was Besitz oder was „Wollen“ ist, sondern ziehen einfach endlose Bahnen durch die weißlichen Wurzeln, mit der Hoffnung etwas Ess­bares zu finden.

Die Sonne steht schon hoch am Himmel, aufgrund des Festes wurden alle Aufgaben etwas nach hinten verschoben, als wir die Möhring-Halle erreichen. Diese Halle ist etwas Besonderes. Hier wurde vor mehr als 180 Jahren der erste Otto-Motor entwickelt der die Menschheit in ein neues Zeitalter katapultierte. Etwa um diese Zeit schrieb Gottfried Daimler „Von hier aus wird ein Stern aufgehen.“ Viele von den älteren Menschen, die die Entstehungsphase des Zentralwerks im Jahr 2025 miterlebt haben, erzählen oft aus dieser Zeit und wenn man ihnen dabei aufmerksam zuhört, kann man den Stern vor ihrem inneren Auge emporsteigen sehen. Heute existieren nur noch die äußeren Mauern der Halle, im Inneren hängen wie große Kokons unsere Arbeitsräume. Über Treppen und Brücken erreichen wir etwas verspätet Raum13, in dem uns unser Team mit leicht missbilligenden Blicken empfängt. Henri, unser Team Lead schüttelt leicht den Kopf, aber ich weiß genau, dass er uns beiden mag und außerdem hat er gestern auch das ein oder andere Glas mitgetrunken.

Alfie und ich experimentieren schon seit längerem mit dem Fermentieren von verschiedenen Getreidesorten und zur Ehre des Festes haben wir das erste Mal das Ergebnis unserer Experimente ausprobiert. Einige der Älteren hatten dann erzählt das unsere Stadt früher dafür berühmt war auf ähnliche Art und Weise ein Getränk namens „Kölsch“ herzustellen, welches man dann zu bestimmten Anlässen in großen Mengen zu sich nahm. Ich fand die Vorstellung das eine ganze Stadt für ein Getränk berühmt ist etwas absurd. Außerdem muss ich zugeben, dass wir keine Ahnung hatten wie sehr die Wirkung des Getränkes uns noch bis in den nächsten Tag begleitet.

Henri eröffnet das Meeting und schickt uns unsere heutigen Aufgabe. Ich lasse mir die Aufgaben auf meinem Iris-Display kurz anzeigen, glücklicherweise ist heute nicht allzu viel los. Ein paar der Wasserqualitäts-Sensoren scheinen komische Daten zu senden außerdem müssen wir uns auf unser halbjährliches Rollover vorbereiten, bei dem wir die Daten aus dem DataLake auf Glasscheiben brennen, die die Bauteams dann in den Gewächshäusern verbauen. Alfie kümmert sich zusammen mit Sonya, unserer Hardware Spezialistin um die Wasserqualitäts-Sensoren. Wir mussten vor einigen Monaten große Teile unserer Funksensoren durch kabelgebundene Sensoren ersetzen, da stärker gewordenen Sonnenwinde die drahtlose Kommunikation schwierig machten und einige der neuen Sensoren noch ab und zu Probleme hatten.

Ich bearbeite heute eine Anfrage der Arbeiter*innen aus der Recyclinganlage. Dort werden in mehreren großen Tanks unserer Abfälle durch Bakterien zersetzt und zu Methangas umgewandelt. Das Team experimentiert schon seit mehreren Monaten mit einer neu gezüchteten Variante der Familie Ideonella. Seit ein paar Wochen war der Output an Methangas deutlich gesunken und sie wollten der Sache auf den Grund gehen. Bei einer ersten Analyse schienen die Werte größtenteils in einem kleinen Bereich zu fluktuieren, Redoxpotential, Stickstoffgehalt, Druck und Temperatur waren alle nominal. Ich war erst einmal ratlos, also tat ich was ich immer tue, wenn ich ratlos bin, und machte mich auf den Weg zum alten Gernot.

Viele Leute mochten ihn nicht sehr, da er vielleicht zu oft, über die „guten alten“ Tage sprach und manchmal ein wenig melancholisch war. Gernot war 2030 zur Zeit des großen Crashes zu Besuch im Zentralwerk und ist dann einfach geblieben, vorher war er Französischlehrer an einer kleinen Schule in einem kleinen Ort in Frankreich, dessen Namen ich mir nie merken konnte. Und er sammelte gerne Wissen. Er hatte ein äußerst gutes Gedächtnis, aber eine noch bessere Sammlung an Glasscheiben und Büchern. Wenn man ihm eine Frage stellte, konnte er stundenlang erzählen, bis man irgendwann vergaß, was man ihn überhaupt gefragt hatte. Er erzählte Geschichten von Unternehmen, die so groß waren das sie mehr Macht als ganze Regierungen hatten, wie man sich Pakete in wenigen Tage um die ganze Welt schicken konnte und wie die meisten Menschen den Großteil ihres Lebens im Cyberspace verbrachten. Aber er erzählte euch von der Zeit nach dem Crash, als ein fast unscheinbares Ereignis das globale Kartenhaus von Abhängigkeiten zu Fall brachte. Wie die Menschen Jahre brauchten, bis sie sich auf die neue Realität eingestellt hatten, damals nannte man diesen Prozess die Regionalisierung. Nachdem die Globalisierung alle Teile der Welt zu einem untrennbaren Woll­knäuel aus Abhängigkeiten gemacht und für große Ungerechtigkeiten gesorgt hatte, führte die Regionalisierung die Menschen wieder zu einer etwas ursprünglicheren Lebensart zurück. Viele Menschen mussten komplett neu lernen mit Ressourcen umzugehen, da die Supermärkte keine Lieferungen erhielten, mussten die Menschen wieder lernen Ackerbau zu betreiben und Lebensmittel selbst einzulagern. Gernot ist einer der wenigen Menschen die über diese Zeit reden, ich denke für viele andere ist sie mit zu vielen schlechten Erinnerungen verbunden.

Als ich seine Wohneinheit erreichte, hörte ich schon aus der Ferne, das er wieder Musik hörte. Die wenigen Menschen die heutzutage noch Musik hörten taten dies über subdermale Implantate, aber aus irgendeinem Grund zog Gernot sogenannte Youtube Videos vor. Er hatte schon vor dem Crash mehrere Terrabytes an Videos auf alten Magnet Festplatten gespeichert, die er hin und wieder zur Frustration seiner Nachbarn über ein mindestens ebenso altes Stereo System abspielte. Heute lief eines meiner persönlichen Lieblingsmixtapes „japanese jazz when driving on a warm night“. Als ich seine Tür öffnete, saß er tief über ein altes MacBook gebeugt, dessen Bauteile über seinen gesamten Tisch verstreut waren. Er rief mich zu sich und fing an begeistert darüber zu reden was für ein Meisterwerk der damaligen Technik dieses Gerät gewesen war und wie die Menschen in ewigen Schlangen standen um eins dieser Geräte zu erwerben. Aus irgendeinem Grund funktionierte aber das Display nicht mehr. Ich konnte mir eigentlich nicht vorstellen wie die Menschen damals scheinbar so begeistert von einem so klobig aussehenden Stück Technik sein konnten, wollte ihn in seiner Begeisterung aber auch nicht bremsen. Als er kurz aufsah, fragte ich ihn, ob er irgendwelche Bücher über Bakterien habe. „Bakterien? Bist du krank?“ fragte er, „nein, keine Sorge, ich recherchiere nur gerade für etwas“. Ich folgte ihm in sein Archiv, eigentlich eine alte Wohnung die nicht länger gebraucht wurde, und sah ihm dabei zu wie er scheinbar zufällig ausgewählte Bücher und Glasplatten aus irgendwelchen Stapeln zog. Nach einiger Zeit zog er das „INTERNATIONAL JOURNAL OF SYSTEMATIC AND EVOLUTIONARY MICROBIOLOGY Volume 66, Issue 8″ aus einem Stapel hervor und reichte es mir. Unter dem Titel stand „First Published: 01 August 2016″. Oh Mann, das ist mehr als 30 Jahre alt, ob die Informationen überhaupt noch gültig waren?

Zum Abschied überreichte mir Gernot ein kleines schwarzes Gerät mit einem Y-förmigen Kabel und sagte „Das ist ein MP3-Player“, er erklärte das man sich die Enden des Kabels in sein Ohr steckte und welche Knöpfe man drücken muss damit es funktioniert, ich bedankte mich, überließ Gernot wieder seinem MacBook und setze mich mit dem Buch auf eine Bank bei den Aquaponikbecken. Zum Glück hatte ich anscheinend genau das richtige Buch gewählt, denn es handelte auch von dem Bakterium Ideonella. Anscheinend wurde es 2016 von einem Team japanischer Mikrobiologen, unter der Leitung von Somboon Tanasupawat, in Japan in der Stadt Sakai entdeckt. Die Wissenschaftler waren auf Mülldeponien gegangen und hatten dort Bakterien von PET Flaschen gesammelt. Ich wusste nicht genau was eine Mülldeponie war, aber ich hatte schon oft die Recyclingteams über PET reden hören. Ich nahm mir vor Gernot bei nächster Gelegenheit zu fragen, was genau eine Mülldeponie ist. Nach ein paar Minuten wurde ich dann fündig, „It grew within the pH range 5.5–9.0 (optimally at pH 7–7.5)“. Ich klappte das Buch zu und machte mich auf zu Raum13, um die PH Werte der Recyclinganlage zu überprüfen. Ziemlich schnell hatte ich herausgefunden, das aufgrund der Experimente mit der Sauerstoffzufuhr der PH Wert unter 4 gesunken war, was den Rückgang der Methanproduktion erklärte und schickte meine Ergebnisse an das Recyclingteam.

Es wurde schon etwas kühler während die Sonne lange Schatten über die Gebäude warf und sich das Licht immer oranger färbte. Aus einer spontanen Laune heraus rief ich Alfie an und fragte, ob sie Lust hätte zum Dach zu kommen. Wir hatten vor einiger Zeit eine alte fast überwachsene Leiter entdeckt, die definitiv keine Sicherheitsüberprüfung schaffen würde, aber sie führte zu einem kleinen Vordach von dem aus man einen super Überblick über den Mülheimer Hafen, den Rhein und den Dom hatte. Während ich noch versuchte zu verstehen wie dieses MP3 Ding funktionieren sollte, kam sie mit zwei Flaschen in der Hand die Leiter hochgeklettert. Es war noch ein sehr angenehmer Abend während wir Songs aus den 2010ner Jahren hörten und die Sonne langsam hinter dem Dom unterging.


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